Freitag, 26. Juni 2009

Erinnerungsschlachten

Im Spiegel wurde heute folgender Artikel veröffentlicht:

"Berlin - Die DDR wird von einer Mehrheit der Ostdeutschen heute positiv beurteilt. Dies habe eine repräsentative Umfrage des Emnid-Institutes im Auftrag der Bundesregierung ergeben, berichtet die "Berliner Zeitung". 49 Prozent vertreten demnach die Auffassung, die DDR habe "mehr gute als schlechte Seiten" gehabt. Weitere acht Prozent meinen, man habe damals dort glücklicher und besser gelebt als heute. ...Der Ost-Beauftragte der Regierung, Wolfgang Tiefensee (SPD), der die Studie in Auftrag gegeben hatte, verlangte Konsequenzen aus den Ergebnissen. Diese zeigten, "dass wir in der Aufarbeitung der DDR-Geschichte nicht nachlassen dürfen", sagte er der Zeitung. Insbesondere die Schulen sollten sich stärker mit Alltag und Entwicklung der DDR sowie mit der friedlichen Revolution 1989/90 beschäftigen."

In dem Teil, den ich weggelassen habe, kann man über obigen Link auch die Sicht der westdeutschen Bürger lesen, die naturgemäß etwas anders ausfällt.

Ich finde es doch recht bemerkenswert, daß Herr Thierse vor allen den Menschen, die in der DDR gelebt, gearbeitet, geliebt haben, erklären will, wie es denn nun alles war. Da Westdeutsche ja systemgerecht denken, kann ja die Aufarbeitung nur für uns dumme Ossis sein.

In dem Jahr, an dem sich der Salto rückwärts zum 20. Jahr jährt kann natürlich solch ein Ergebnis der Studie nicht gewünscht sein. Und zur Ausarbeitung gehört natürlich auch, daß der so aufmüpfige Osten (in diesem Falle der äußerste Osten) demnächst einen Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und von Folgen diktatorischer Herrschaft bekommt.

So geht das ja nun auch nicht, wo kämen wir hin, wenn Menschen sich positiv an die DDR erinnern, dann wäre schließlich das ganze Geld für Filmchen, irgendwie erfunden nachgebaute Untersuchungsgefängnisse, BStU und ähnlichen Schnickschnack völlig umsonst zum Fenster rausgeschmissen worden.

Nein, wir Ossis sind wirklich undankbar, da hat man uns am 01.07.1990 die D-Mark gebracht, 17 Millionen Menschen bekamen ohne Rücksicht auf Verluste ein Staatswesen aufgebrummt, was ihnen fremd war. Die Betriebe, die sicher nicht modern auch nicht die effektivsten waren, aber Volkseigentum, wurden oft genug für eine D-Mark verschleudert. Menschen wurden arbeitslos und viele fanden bis heute keine neue Arbeit, sondern hangeln sich von ABM zu 1-Euro-Job, von Qualifizierung zu wieder arbeitslos, bis dann nur noch ALG II bleibt. Und? Nein, wir sind leider nicht genug dankbar dafür...deshalb werden wir eben aufgearbeitet.

Kommentare:

Nadia Norden hat gesagt…

Meine liebe Jette,
Nanu, nanu, die „Ostalgie“ blüht also weiter, und zwar nicht im Sinne der westdeutschen Machthaber! Da wird sie keine „Aufarbeitung“ der „friedlichen Revolution“ und Hetze gegen das MfS helfen. Auch der ehemals zu recht oder unrecht unzufriedener Bürger, auch der Meckerer und der Aufgehetzter, kommt eben zu anderen, reelleren Ergebnisse und Einschätzungen wenn er an Leib und Seele, im Alltag, konfrontiert wird mit die harte Realität des real existierenden Kapitalismus in BRD Prägung (sogenannte „soziale Marktwirtschaft“) Und die meisten haben dazu auch keine zwanzig Jahre gebraucht um zu den Ergebnissen dieser Umfragen zu kommen. Die demagogischen Kommentare des Herrn Wolfgang Tiefensee beleuchten auch die unheilvolle Position und Rolle der SPD als bürgerliche Partei mit Arbeiteranhang. Diejenige unserer Bürger die in den Jahren vor der Wende „abgehauen“, „geflüchtet“ sind, kamen – von einzelne Fälle abgesehen – auch schon meistens „von der Regen in die Traufe“, und mindestens zur Erkenntnis „So schlecht war es bei uns auch nicht“. Die Euphorie über den „goldenen Westen“ folgte schnell die Ernüchterung. Es zeugt davon folgende Publikation, die ich später besprechen werde, jetzt nur erwähne und in meinem Blog „Politik und Kultur“ poste:
Horst-Günter Kessler/Jürgen Miermeister „Vom 'Groβen Knast' ins 'Paradies' DDR-Bürger in der Bundesrepublik Lebensgeschichten“ Rororo aktuell 5034 erschienen in 1983.
Mein Fazit: In meine Erinnerungen war die DDR nicht nur „mein“ sondern vor allem „unserem Staat“. Ich selber der noch die richtige sozialistische Orientierung „von Ich zum Wir“ gekannt habe (was leider später in der umgekehrte Richtung ging) rate eben da zurück anzusetzen „Im Kampf um die einige Deutsche Demokratische Republik“ (Otto Grotewohl). Die Erinnerungsschlacht muβ eben nicht nur mit den Blick rückwärts sondern auch selbstkritisch und zukunftsgerichtet sein. Vorwärts und nicht vergessen, der Kampf geht weiter!
Deine Freundin
Nadja

gruesdi hat gesagt…

Die Deutung der "Tiefensee-Studie" ist sehr westdeutsch angelegt. Ein Fakt wird herausgepickt und dann verallgemeinernd als Top-Überschrift herausgebracht, um schlussfolgernd die richtigen "Erziehungsmaßnahmen" einzuleiten. Es ist schon bemerkenswert, wie viel Angst die Regierenden immer noch vor der DDR haben. Sie müssen ihre heilige Mission der Delegitimierung dieses untergegangen Staates erfolgreich zu Ende führen, koste es an Blödheit was es nur wolle. All das, was Eltern, die die DDR erlebt hatten, ihren Kindern erzählen, soweit es positiv ist, muss falsch sein. 49 % der Befragten haben nur bejaht, dass man in der DDR trotz ein paar Problemen gut leben konnte. 8 % sind der Meinung, dass man dort glücklich und besser lebte, als heute im wieder vereinten Deutschland (Originalton Emnid). Herr Tiefensee, besser Flachwasser genannt, verlangt Konsequenzen (insbesondere an den Schulen) aus den Ergebnissen der Studie – nicht nachlassen bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte und verstärkte Beschäftigung mit Alltag und Entwicklung der DDR sowie mit der friedlichen Revolution. Also, liebe Lehrer, eigene Erfahrungen vergessen und die amtlichen Gruselmärchen verbreiten. Geschichte, ist immer die Geschichte der Herrschenden.
Um nicht unglaubwürdig zu sein, muss man auch andere Fragen der Studie betrachten.
90 % meinen, dass sie jetzt alle Freiheiten genießen können, wie Meinungs-, Presse- u. Reisefreiheit.
89 % sagen ja, dass die Ostdeutschen stolz sein können auf die Überwindung der SED-Herrschaft.
56 % sehen die Durchsetzung des Rechtsstaates und Gleichheit vor dem Gesetz gewährleistet.
37 % stimmten der Aussage zu, der Einfluss des einzelnen Bürgers auf die Politik sei gegeben.
Übrigens, im ND konnte man heute das Folgende (Auszug) lesen, was Frau Merkel der Welt zu sagen hatte: "In der DDR gingen die Frauen mit 60 in Rente". Sie wäre mit 60 in die BRD gereist, hätte ihren "DDR-Ausweis gegen einen echten deutschen Pass eingetauscht" und sich nach Amerika aufgemacht.
Fakt ist aber, sie durfte schon 1987 nach Hamburg zur Hochzeit der Cousine reisen. War aber brav zurückgekehrt. Leider.